Endlich im Blickfeld? Aktien der „Old Economy“ bekennen Farbe

20. März 2026
4 min read

Nach Jahren der Technologiedominanz scheint sich die Marktführerschaft zu verschieben. Wird das von Dauer sein?

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI), das die Aktienmärkte in den letzten Jahren dominiert hat, zeigt erste Risse. Während die Anleger das Ausmaß des Ausbaus der KI-Infrastruktur und die optimistischen Annahmen über die Einführung von KI neu bewerten, setzt sich eine Gruppe von Sektoren der „Old Economy“ still und leise wieder durch.

Auch wenn die Auswirkungen des Iran-Krieges an den Märkten vorerst im Mittelpunkt stehen, wird die Entwicklung hochkarätiger Technologieaktien für Aktienanleger auf lange Sicht wahrscheinlich ein wichtiges Thema bleiben. Doch was bedeutet das für die unter dem Radar fliegenden Aktien der Old Economy in weniger glamourösen Sektoren wie Basiskonsumgüter, Gesundheitswesen und Energie? Viele Unternehmen in diesen Sektoren haben sich jahrelang stetig weiterentwickelt und dabei hohe Gewinne, viel Barmittel und attraktive Dividendenrenditen erwirtschaftet.

Leider führen solide Fundamentaldaten nicht immer zu Kursgewinnen. Selbst wenn Unternehmen die Schätzungen übertreffen oder ihre Prognosen nach oben korrigieren, kann die Anlegerpsychologie die Oberhand gewinnen. Infolgedessen haben viele Aktien der Old Economy in den letzten Jahren trotz eines starken Gewinnwachstums kaum oder gar keine Aufwertung erfahren. 

Erste Risse in der Marktkonzentration

Dieser Trend zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Zusammensetzung der großen US-Aktienindizes. Weil die Anleger ihr Vermögen seit geraumer Zeit in die Technologietitanen lenken, ist der breitere US-Markt stark konzentriert. Noch im dritten Quartal 2025 machten die acht größten US-Aktien fast 42 % der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus (Abbildung), was hauptsächlich auf KI-bezogene Aktien in den Sektoren Informationstechnologie, Kommunikationsdienste und Nicht-Basiskonsumgüter zurückzuführen ist. Das bedeutet, dass nur 1 % der S&P-Titel einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Märkte haben.

Sinkende Marktkonzentration spiegelt eine Verbreiterung des Marktes wider
S&P 500: Gewichtung der 10 größten Aktien (Prozent)
-

Eine vergangenheitsbezogene Analyse stellt keine Gewähr für zukünftige Ergebnisse dar.
Stand: 17. März 2026
Quelle: FactSet, S&P und AllianceBernstein (AB)

Ändert sich diese Dynamik? Bis Mitte März war die Marktkapitalisierung der acht größten Aktien auf knapp 38 % zurückgegangen – im historischen Vergleich immer noch hoch, aber eine bedeutende Verschiebung in eine ausgewogenere Richtung. Während ähnliche Rotationen in den letzten Jahren schnell wieder abflauten, glauben wir, dass neue Umstände diesmal für einen beständiger breiteren Markt sorgen könnten.

KI-Ausbau verändert die Strukturen von Technologieunternehmen

Der fortschreitende Ausbau der KI verändert langsam, was es bedeutet, ein Technologieunternehmen zu sein. Hyperskalierer – große Anbieter von Cloud-Diensten und Technologieinfrastruktur – geben enorme Geldsummen für den Aufbau von KI-Infrastruktur wie Rechenzentren, Stromnetze und Computerressourcen aus. Diese riesigen Unternehmen haben für einen Teil ihres Kapitalbedarfs die öffentlichen Anleihemärkte und private Kredite angezapft, aber viele finanzieren den Ausbau auch aus ihren eigenen Barreserven. Das senkt den freien Cashflow von Technologieunternehmen und verwandelt sie von traditionell „asset-Light“-Unternehmen in Firmen mit bedeutenden Vermögenswerten in ihren Bilanzen. Und trotz der hohen Investitionen gibt es keine Garantie, dass sich diese KI-Vermögenswerte auszahlen werden – insbesondere angesichts der optimistischen Annahmen über die Einführung von KI.

Sicherlich haben einige der Megacaps robuste Geschäftsmodelle und Gewinnaussichten. Die enormen Kapitalmengen, die in die KI fließen, könnten jedoch auch zu mehr Wettbewerb in den Kerngeschäften der Technologieunternehmen führen.

Und es sind nicht nur die Megacaps gefährdet.

Die Verbreitung von KI droht Softwareunternehmen und andere digitale Unternehmen jeder Größe zu gefährden. Die Anlegerbedenken spiegeln sich in sprunghaften Marktreaktionen auf selbst geringfügige Korrekturen der Gewinnprognosen wider – ein tiefgreifender Wandel für eine Branche, die sich weitgehend einer positiven Anlegerstimmung erfreut hat.

Rückkehr der Dinosaurier?

Während Tech-Aktien zu kämpfen haben, zeigen Anleger eine neue Wertschätzung für Unternehmen mit hoher Free-Cash-Conversion und größerer Widerstandsfähigkeit gegenüber dem volatilen KI-Thema. Obwohl viele über starke Geschäftsmodelle und wiederkehrende Einnahmequellen verfügen, waren ihre Bewertungen jahrelang im Dornröschenschlaf, weil sie nicht so schnell gewachsen sind wie die großen Technologieunternehmen, die die Schlagzeilen dominiert haben.

Vielleicht stehen wir an der Schwelle zu einer „Rache der Dinosaurier“-Phase, wie ein Analyst von Goldman Sachs kürzlich in einer Research-Note treffend bemerkte.

In solch einem neuen Umfeld könnte das Umsatzwachstum letztendlich weniger wichtig werden als Wettbewerbsvorteile. Typischerweise implizieren Wettbewerbsvorteile Eintrittsbarrieren. Aber zunehmend könnten Wettbewerbsvorteile auch Barrieren gegen KI-bedingte Störungen darstellen – einschließlich Bedrohungen für Kerngeschäftsmodelle. Im Laufe der Zeit könnte diese Isolationsschicht dauerhafte Wettbewerbsvorteile bieten. Durch die Erwirtschaftung eines hohen freien Cashflows und eines bescheidenen, aber nachhaltigen Wachstums könnten Unternehmen der alten Garde eine fortgesetzte Neuberwertung erleben, wenn ihre Wettbewerbsvorteile Bestand haben. Diejenigen mit etablierten Marken und massiver globaler Reichweite könnten sogar noch dauerhaftere Vorteile erzielen.

KI kann auch Unternehmen der Old Economy zum Erfolg verhelfen. Einige könnten sogar ihre Wettbewerbsvorteile durch Produktivitätssteigerungen mittels KI und neue Einnahmen aus dem KI-Ausbau selbst stärken. Denken Sie an Industrie, Energie, Rohstoffe und Finanzen. Unserer Ansicht nach könnte der Investitionsboom ein Segen für bisher unbeliebte Unternehmen in diesen Sektoren sein. 

Bewertungen der Old Economy bleiben überzeugend

Nach Jahren niedriger Bewertungenen könnte sich die große Dispersion am Aktienmarkt allmählich verringern. In jüngster Zeit haben ausgewählte Titel in den Sektoren Basiskonsumgüter, Rohstoffe und Energie eine neue Dynamik erfahren (Abbildung), obwohl die Bewertungen der Old Economy größtenteils attraktiv bleiben. Darüber hinaus haben sich diese Unternehmen in der Vergangenheit bei schwächeren wirtschaftlichen Bedingungen gut entwickelt, was sie widerstandsfähiger machen könnte, wenn geopolitische Umwälzungen einen Anstieg der Ölpreise auslösen und die Weltwirtschaft zu erschüttern drohen.

Sektoren der Old Economy erleben ein Comeback
S&P 500 Sektor-Gesamterträge, wobei Versorger, Rohstoffe und Basiskonsumgüter seit Jahresbeginn führend sind, nachdem sie in den Vorjahren zurücklagen.

Vergangene Wertentwicklungen und aktuelle Analysen sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse.
Die linke Abbildung zeigt die Gesamterträge vom 1. Januar 2026 bis zum 16. März 2026. Die rechte Abbildung zeigt die kumulativen Gesamterträge vom 1. Januar 2023 bis zum 31. Dezember 2025.
Quelle: FactSet, S&P und AB

Die KI-Revolution wird sich schubweise vollziehen, während die Märkte Gewinner, Verlierer und Zeitpläne neu bewerten. Wir glauben, dass in diesem Prozess unterbewertete Unternehmen mit dauerhaften Cashflows und starken Wettbewerbsvorteilen wertgeschätzt werden. Für diversifizierte Anleger eröffnet dies einen Weg zu Erträge jenseits der großen Technologieunternehmen in übersehenen Geschäftsbereichen, die von KI profitieren und deren Disruption standhalten können. 

Die in diesem Dokument zum Ausdruck gebrachte Meinungen stellen keine Recherchen, Anlageberatungen oder Handelsempfehlungen dar und spiegeln nicht notwendigerweise die Ansichten aller Portfoliomanagementteams bei AB wider. Die Einschätzungen können sich im Laufe der Zeit ändern.


Über den Autor