Entlarvung der größten ETF-Mythen

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Durch das Verständnis der Funktionsweise des Vehikels können Anleger und Berater greifbare Vorteile von ETFs entdecken.

Börsengehandelte Fonds (Exchange Traded Funds, ETFs) sind seit mehr als zwei Jahrzehnten Teil der europäischen Kapitalmärkte, und ihre Akzeptanz hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht. Anleger schätzen viele der von ETFs angebotenen Eigenschaften, einschließlich Börsennotierung, Untertags-Liquidität, Transparenz und wettbewerbsfähigen Kosten im Vergleich zu vergleichbaren Vehikeln.

Seit ihrem regionalen Debüt zur Jahrtausendwende haben ETFs europäischen Anlegern durch einige sehr schwierige Marktzyklen hindurch gute Dienste geleistet. Dennoch halten sich hartnäckige Fehlvorstellungen darüber, was sie sind, wie sie gehandelt werden und welche Rollen sie in Portfolios spielen können. Lassen Sie uns einen Blick auf die fünf hartnäckigsten Mythen über ETFs und die Realität dahinter werfen. 

Mythos Eins: Langfristige Anleger brauchen keine ETFs

Einige Anleger mit einem langfristigen Zeithorizont gehen davon aus, dass die ETF-Struktur ihnen nur wenig Wert bietet. Die Logik ist einfach: Wenn ein Portfolio nicht häufig gehandelt wird, warum ist dann die Untertags-Handelbarkeit wichtig? 

Unserer Ansicht greift dieser Gednke zu kurz. ETFs können auch für langfristige Anleger nützlich sein, die selten handeln. Die meisten langfristigen Portfolios erfordern regelmäßige Neugewichtungen, Managerwechsel oder strategische Umschichtungen. In diesen Momenten können ETFs operative Einfachheit, breite Zugänglichkeit über Brokerage-Konten und eine effiziente Umsetzung bieten.

Das Wertversprechen von ETFs geht jedoch über die reine Bequemlichkeit hinaus. Da ETFs an der Börse gehandelt werden, können sie eine zusätzliche Ebene des Marktzugangs und der Liquidität bieten, auch in volatileren oder gestörtenMarktphasen. Im Laufe der Zeit können ihre operativen Effizienzen und ihr wettbewerbsfähiges Kostenprofil auch dazu beitragen, Performance-Einbußen zu verringern. 

Vereinfacht ausgedrückt: ETFs sind nicht nur für taktische Händler gedacht. Sie können auch effektive Bausteine für langfristige Anleger sein, die eine effiziente Portfolioumsetzung anstreben.

Mythos Zwei: ETFs sind nur für passive Anleger nützlich

Für viele Anleger ist der Begriff „ETF“ zum Synonym für „passives Investieren“ geworden. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass passive Strategien das ETF-Vermögen weltweit lange Zeit dominiert haben.

Aber das Vehikel selbst ist nicht von Natur aus passiv. Ein ETF ist einfach nur eine Hülle. Er kann verwendet werden, um Index-Exponierung, systematische Strategien oder vollständig aktive Portfolios anzubieten. Tatsächlich sind aktive ETFs zu einem immer wichtigeren Teil des Marktes geworden und haben sich von eher regelbasierten Ansätzen zu managergesteuerten Strategien entwickelt, die darauf abzielen, Zusatzerträge in bestimmten Anlageklassen und Segmenten zu erzielen. 

Für viele Anleger lautet die eigentliche Portfoliofrage, wie passive und aktive Bausteine zusammenwirken können. ETFs können beiden Zwecken dienen: Sie können eine effiziente Beta-Exponierung bieten sowie differenzierte aktive Erkenntnisse in einem transparenten, börsengehandelten Format umsetzen.

Europäisches aktive ETFs: AUM*
Milliarden

Eine vergangenheitsbezogene Analyse stellt keine Gewähr für zukünftige Ergebnisse dar.
Stand: 28. Februar 2026
*Assets under Management = verwaltetes Vermögen
Quelle: Broadridge und AB

Mythos Drei: Das durchschnittliche Tagesvolumen eines ETFs sagt aus, wie liquide er ist

Das ist eines der häufigsten Missverständnisse bei ETF-Anlagen. Die Annahme rührt oft daher, wie Anleger über Einzelaktien denken, bei denen das durchschnittliche Tagesvolumen einen groben Anhaltspunkt für die Handelskapazität bieten kann.

ETFs funktionieren anders. Das On-Screen-Handelsvolumen eines ETFs spiegelt die Aktivität auf dem Sekundärmarkt wider, auf dem Anleger ETF-Anteile untereinander kaufen und verkaufen. Aber ETFs haben auch einen Primärmarkt, auf dem autorisierte Teilnehmer als Reaktion auf die Anlegernachfrage Anteile schaffen oder zurückgeben können. Infolgedessen ist die Handelskapazität eines ETFs nicht auf die Anzahl der Anteile beschränkt, die an einem bestimmten Tag an einer Börse gehandelt wurden.

Eine vollständigere Betrachtung der ETF-Liquidität berücksichtigt die Liquidität der zugrunde liegenden Wertpapiere, die Effizienz des Ausgabe- und Rücknahmeprozesses und die Fähigkeit von Marktmachern, den Handel zu erleichtern. In der Praxis bedeutet dies, dass ein ETF mit einem bescheidenen durchschnittlichen Tagesvolumen dennoch in der Lage sein kann, beträchtliche Transaktionen aufzunehmen, wenn das zugrunde liegende Portfolio ausreichend liquide ist. Das zeigt sich oft an stabilen Spreads (Ankaufs/Verkaufsspanne) bei ETFs, unabhängig von der Größe der Handelsvolumina, was auf eine robuste Liquidität sowohl auf dem Primär- als auch auf dem Sekundärmarkt hindeutet.

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass das durchschnittliche Tagesvolumen aufschlussreich sein kann, aber kein vollständiges Maß für die ETF-Liquidität darstellt.

Mythos Vier: Auf- und Abschläge auf den NIW sind für Anleger kostspielig

Anleger, die an Investmentfonds gewöhnt sind, könnten Auf- und Abschläge von ETFs auf den Nettoinventarwert (NIW) als Zeichen dafür ansehen, dass unter der Haube etwas nicht stimmt. In Wirklichkeit sind diese Preisunterschiede oft ein normaler Teil der Funktionsweise von Märkten.

Auf- und Abschläge spiegeln oft die Echtzeit-Preisfindung wider. Betrachten wir einen internationalen Aktien-ETF, der in Europa oder den USA gehandelt wird, während der lokale Markt für seine zugrunde liegenden Bestände geschlossen ist. Der ETF-Preis kann sich anpassen, um neue Informationen widerzuspiegeln, auch wenn der gemeldete NIW noch auf früheren Marktpreisen basiert. Ein ähnliches Muster kann bei festverzinslichen Wertpapieren auftreten, wo viele Anleihen außerbörslich gehandelt werden und sich tagsüber möglicherweise nicht kontinuierlich aktualisieren.

ETFs können bei der Preisfindung helfen
Anpassung an Echtzeit-Nachrichten und -Informationen, wenn die zugrunde liegenden Märkte geschlossen sind

Nur zur Veranschaulichung.
Quelle: AB.

In diesen Situationen kann der ETF-Preis tatsächlich eine aktuellere Schätzung des zugrundeliegenden Zeitwerts liefern als der veröffentlichte NIW. Anstatt auf eine Marktstörung hinzuweisen, kann ein Auf- oder Abschlag einfach zeigen, dass der ETF Informationen schneller verarbeitet als die zugrunde liegenden Preisdaten.

Das bedeutet nicht, dass alle Auf- und Abschläge ignoriert werden sollten. Anhaltende oder ungewöhnlich große Abweichungen verdienen Aufmerksamkeit. In vielen Fällen sind jedoch moderate Auf- und Abschläge kein Makel der ETF-Struktur; sie sind ein Beweis dafür, dass der Markt seine Aufgabe erfüllt.

Mythos Fünf: ETFs könnten den Markt bei einer großen Korrektur zusammenbrechen lassen

Da ETFs effizient gehandelt werden und schnell den Besitzer wechseln können, befürchten einige Anleger, dass sie den Marktstress in Phasen starker Verkaufswellen verschärfen könnten. Diese Besorgnis wird oft in weniger liquiden Marktbereichen geäußert, wie beispielsweise bei Hochzinsanleihen. 

In der Praxis haben ETFs jedoch in Störungsphasen die Marktfunktion oft eher unterstützt als untergraben.

Ein Grund dafür ist, dass der ETF-Handel auf dem Sekundärmarkt nicht automatisch zu einem Eins-zu-eins-Handel der zugrunde liegenden Wertpapiere führt. Wenn ein Anleger ETF-Anteile verkauft und ein anderer sie kauft, wechselt das Engagement den Besitzer, ohne dass der Fonds zwingend Transaktionen in seinen Portfoliobeständen durchführen muss. Diese Möglichkeit, Risiken auf dem Sekundärmarkt zu übertragen, kann dazu beitragen, den Druck auf den zugrunde liegenden Kassamarkt zu verringern.

ETFs können auch zur Preisfindung beitragen, wenn der Handel an den zugrunde liegenden Märkten schwieriger wird. Während der griechischen Staatsschuldenkrise 2015 wurden beispielsweise ETFs mit Exponierung in griechischen Aktien weiterhin an ausländischen Börsen gehandelt, obwohl die Athener Börse geschlossen war. Diese ETFs boten Anlegern einen Mechanismus zur Anpassung ihres Engagements und lieferten ein Live-Marktsignal, als der direkte Handel mit den zugrunde liegenden Wertpapieren nicht verfügbar war.

Dieses Beispiel zeigt, wie ETFs in Phasen von Marktstress als zusätzlicher Handelsplatz für Liquidität und Preisfindung dienen können. 

Ein Blick über das Etikett hinaus

ETFs sind keine Einheitslösung. Jede zugrunde liegende Strategie ist anders und sollte sorgfältig im Hinblick auf die Ziele einzelner Anleger evaluiert werden. Wir glauben jedoch, dass viele der häufigsten Bedenken bezüglich der Struktur eher auf Missverständnissen denn auf Fakten beruhen.

Wir sind der Meinung, dass ETFs für langfristige Anleger sowohl in aktiven als auch in passiven Portfolios wertvoll sein können. Sie sind im Allgemeinen liquider, als das durchschnittliche Tagesvolumen allein vermuten lässt, aufschlussreich, wenn sie abweichend vom NIW gehandelt werden, und unterstützend für die Marktfunktion unter Stressbedingungen.

Mit einem klaren Verständnis dafür, wie das ETF-Vehikel funktioniert, werden Anleger und Berater gleichermaßen gut gerüstet sein, um über das Etikett hinauszuschauen. Ein durchdachter Einsatz von ETFs kann flexible, effiziente Instrumente bieten, um eine breite Palette von Ertragsquellen zu erschließen und unterschiedlichen Portfoliozielen gerecht zu werden. 

Der Wert einer Anlage kann sowohl steigen als auch fallen. Anleger erhalten möglicherweise ihr eingesetztes Kapital nicht vollständig zurück. Das Kapital ist einem Risiko ausgesetzt. Es kann nicht garantiert werden, dass Anlageziele erreicht werden. 

ETFs unterliegen Risiken im Zusammenhang mit Börsennotierung, Liquidität, Handel und Abwicklung und können auch Gebühren sowie steuerliche Aspekte mit sich bringen, die den Gesamtanlageertrag beeinflussen.