In diesen Situationen kann der ETF-Preis tatsächlich eine aktuellere Schätzung des zugrundeliegenden Zeitwerts liefern als der veröffentlichte NIW. Anstatt auf eine Marktstörung hinzuweisen, kann ein Auf- oder Abschlag einfach zeigen, dass der ETF Informationen schneller verarbeitet als die zugrunde liegenden Preisdaten.
Das bedeutet nicht, dass alle Auf- und Abschläge ignoriert werden sollten. Anhaltende oder ungewöhnlich große Abweichungen verdienen Aufmerksamkeit. In vielen Fällen sind jedoch moderate Auf- und Abschläge kein Makel der ETF-Struktur; sie sind ein Beweis dafür, dass der Markt seine Aufgabe erfüllt.
Mythos Fünf: ETFs könnten den Markt bei einer großen Korrektur zusammenbrechen lassen
Da ETFs effizient gehandelt werden und schnell den Besitzer wechseln können, befürchten einige Anleger, dass sie den Marktstress in Phasen starker Verkaufswellen verschärfen könnten. Diese Besorgnis wird oft in weniger liquiden Marktbereichen geäußert, wie beispielsweise bei Hochzinsanleihen.
In der Praxis haben ETFs jedoch in Störungsphasen die Marktfunktion oft eher unterstützt als untergraben.
Ein Grund dafür ist, dass der ETF-Handel auf dem Sekundärmarkt nicht automatisch zu einem Eins-zu-eins-Handel der zugrunde liegenden Wertpapiere führt. Wenn ein Anleger ETF-Anteile verkauft und ein anderer sie kauft, wechselt das Engagement den Besitzer, ohne dass der Fonds zwingend Transaktionen in seinen Portfoliobeständen durchführen muss. Diese Möglichkeit, Risiken auf dem Sekundärmarkt zu übertragen, kann dazu beitragen, den Druck auf den zugrunde liegenden Kassamarkt zu verringern.
ETFs können auch zur Preisfindung beitragen, wenn der Handel an den zugrunde liegenden Märkten schwieriger wird. Während der griechischen Staatsschuldenkrise 2015 wurden beispielsweise ETFs mit Exponierung in griechischen Aktien weiterhin an ausländischen Börsen gehandelt, obwohl die Athener Börse geschlossen war. Diese ETFs boten Anlegern einen Mechanismus zur Anpassung ihres Engagements und lieferten ein Live-Marktsignal, als der direkte Handel mit den zugrunde liegenden Wertpapieren nicht verfügbar war.
Dieses Beispiel zeigt, wie ETFs in Phasen von Marktstress als zusätzlicher Handelsplatz für Liquidität und Preisfindung dienen können.
Ein Blick über das Etikett hinaus
ETFs sind keine Einheitslösung. Jede zugrunde liegende Strategie ist anders und sollte sorgfältig im Hinblick auf die Ziele einzelner Anleger evaluiert werden. Wir glauben jedoch, dass viele der häufigsten Bedenken bezüglich der Struktur eher auf Missverständnissen denn auf Fakten beruhen.
Wir sind der Meinung, dass ETFs für langfristige Anleger sowohl in aktiven als auch in passiven Portfolios wertvoll sein können. Sie sind im Allgemeinen liquider, als das durchschnittliche Tagesvolumen allein vermuten lässt, aufschlussreich, wenn sie abweichend vom NIW gehandelt werden, und unterstützend für die Marktfunktion unter Stressbedingungen.
Mit einem klaren Verständnis dafür, wie das ETF-Vehikel funktioniert, werden Anleger und Berater gleichermaßen gut gerüstet sein, um über das Etikett hinauszuschauen. Ein durchdachter Einsatz von ETFs kann flexible, effiziente Instrumente bieten, um eine breite Palette von Ertragsquellen zu erschließen und unterschiedlichen Portfoliozielen gerecht zu werden.