Die Cashflows stehen unter Druck. Die Generierung von freiem Cashflow (Free Cashflow, FCF) bei den Hyperskalierern wird unseren Prognosen zufolge im nächsten Jahr zum ersten Mal ins Negative drehen. Selbst schnell wachsende KI-Umsätze werden Zeit brauchen, um das Investitionsvolumen auszugleichen. Diese Trends könnten letztendlich die Profitabilität untergraben und die Bewertungen infrage stellen. Wie jedes Unternehmen mit diesen Dynamiken umgeht, wird darüber entscheiden, ob es erfolgreich ist oder daran scheitert, das Versprechen der KI in Anlegererträge umzusetzen.
Rekord-IPOs: Finanzierung der nächsten Phase
Investoren prüfen auch eine Welle KI-bezogener Börsengänge (IPOs) genau. Auch hier ist die Kernfrage, ob zukünftige Gewinne die Erwartungen rechtfertigen.
Anthropic und OpenAI, zwei führende KI-Technologieunternehmen, werden voraussichtlich im Laufe dieses Jahres an die Börse gehen - und schreiben keine Gewinne. Die Nachfrage nach diesen Börsengängen wird die Bereitschaft der Anleger zeigen, die nächste Phase der KI-Geschichte zu finanzieren.
Zwei große Aktienemissionen im zweiten Quartal verdeutlichten die Marktstimmung. Anfang Juni nahm Alphabet (die Muttergesellschaft von Google) bei einer Aktienemission, die teilweise von Berkshire Hathaway unterstützt wurde, 85 Milliarden Dollar ein. Da sich die KI-Finanzierung auf öffentliche Märkte verlagert, glauben wir, dass Finanzierungsdisziplin – und eine glaubwürdige Anlegerstory – genauso wichtig sein wird wie technologische Stärke.
Mitte Juni nahm Elon Musks SpaceX bei einem Rekord-Börsengang 75 Milliarden Dollar ein, woraufhin die Marktkapitalisierung des Unternehmens mit 2,6 Billionen Dollar ihren Höchststand erreichte. Der Deal zeigte, dass Anleger nach wie vor bereit sind, Spitzenpreise für das Potenzial bahnbrechender Technologien zu zahlen, selbst ohne greifbare Gewinne. Doch die Handelsvolatilität nach dem Börsengang war eine Erinnerung daran, wie schnell die Stimmung umschlagen kann.
Lassen Sie IPO-Begeisterung nicht die Disziplin verdrängen
Anleger fühlen sich von Natur aus zu prestigeträchtigen Börsengängen hingezogen. Wir sind jedoch der Ansicht, dass Entscheidungen über eine Beteiligung auf der Philosophie eines Portfolios, diszipliniertem Research und einer Bewertung der langfristigen Vorzüge eines Unternehmens basieren sollten. Verschiedene Portfolios sollten Aktienangebote aus unterschiedlichen Anlageperspektiven bewerten. Letztendlich sollte die Anlageentscheidung widerspiegeln, ob die Fundamentaldaten und Bewertungen des Unternehmens mit dem Profil der Strategie übereinstimmen.
Große Börsengänge könnten auch Benchmark-Überlegungen mit sich bringen, wenn neue Notierungen in wichtige Indizes aufgenommen werden. In solchen Fällen sollten untergewichtete Positionen unserer Ansicht nach ein Gleichgewicht zwischen der Überzeugung, die Aktie nicht zu halten, und dem relativen Risiko widerspiegeln.
Technische Marktrisiken verdienen ebenfalls Beachtung
Über das aktienspezifische Risiko hinaus kann die IPO-Welle den Märkten technische Risiken hinzufügen. Jahrelang halfen Aktienrückkäufe dabei, Aktienemissionen und Verkäufe von Anlegern aufzufangen, was die Bewertungsmultiplikatoren stützte und die Volatilität dämpfte. Da Unternehmen bei sinkenden freien Cashflows mehr Fremd- und Eigenkapital emittieren, könnte die Netto-Rückkaufaktivität zurückgehen. Erhebliche Neuemissionen – aus Börsengängen, Folgeemissionen und der Freigabe gesperrter Aktien (180 Tage nach dem Börsengang) – könnten Anleger dazu zwingen, ein weitaus größeres Aktienangebot aufzufangen als in den letzten Jahren.
Langfristig werden Markterträge in der Regel von Gewinnen und Wirtschaftswachstum getrieben. Aber Verschiebungen von Angebot und Nachfrage können die Marktdynamik an Wendepunkten beeinflussen. Wenn sich Emissionen beschleunigen, während sich Nettorückkäufe verlangsamen, könnten Aktien unseres Erachtens einen wichtigen Rückenwind verlieren. Ein Markt mit mehr Verkäufern und weniger natürlichen Käufern könnte anfälliger für Volatilität, eine Kompression der Multiplikatoren und stärkere Reaktionen auf enttäuschende Nachrichten sein – selbst wenn die Fundamentaldaten solide bleiben.
Gewinnumfeld bleibt unterstützend
Vorerst sehen die fundamentalen Signale robust aus. Das Gewinnwachstum war auch außerhalb des Technologiesektors stark, darunter bei Grundstoffen, Finanzwerten und im Gesundheitswesen (Abbildung). Das schafft einen fruchtbaren Boden für aktive Manager, um branchen- und regionenübergreifend Chancen zu identifizieren. Wir glauben, dass ein breites Engagement in qualitativ hochwertigen Unternehmen weiterhin von zentraler Bedeutung ist, um das langfristige Ertragspotenzial von Aktien auszuschöpfen und Risiken zu mindern.